Kings of HipHop: Jay-Z #6

gepostet in Jay Z | 12 Juni 2012, 08:24 Uhr | 1 Comment

Who You Wit’

Besonders interessant ist in dieser Hinsicht Jay-Zs Beziehung zu seinem neuen Busenfreund Kanye West. Im August 2011 veröffentlichten die beiden ein gemeinsames Album unter dem Quasi-Bandnamen The Throne, aufgenommen in hermetisch abgeriegelten Hotelzimmern, gerne in Paris, gerne mit anschließender Edelbrotzeit im engeren Familienkreis.

Watch the Throne Documentary from Rolinstoner on Vimeo.

Das Album lebte von einigen außergewöhnlichen Beats (Hit-Boy), einigen bemerkenswerten Zeilen (»I arrived on the day Fred Hampton died«) und einigen unfassbar guten Songs (»No Church In The Wild«). Vor allem aber lebte es von dem unausweichlichen Gefühl, dass hier nicht einfach irgendwelche »Welten« zwangsbeglückt wurden, sondern die zwei tatsächlich Größten ihres Faches tatsächlich zusammenarbeiten. Man wusste im Grunde nicht mal genau, ob das im iTunes jetzt unter Jay-Z & Kanye West oder Kanye West & Jay-Z abzulegen war. Denn auf dem Thron, so schien es, war tatsächlich Platz für zwei. Und zwar genau zwei.

Dabei hat das Bild der vollkommenen Männerfreundschaft durchaus seine Vorgeschichte. Die ließe sich ausführlich nacherzählen, mit Zeitleisten, Textbelegen und ausgedehnten Listen gemeinsamer Aufnahmen. Sie lässt sich aber auch recht knapp zusammenfassen: Jay-Z wollte Kanye West nicht. Vier Beats hatte Kanye West zu »The Blueprint« beigesteuert, darunter die erste Single »I.Z.Z.O.« und den heimlichen Schlüsseltrack »Takeover«, diese gut fünfminütige General­abrechnung mit Nas, Mobb Deep und »all you other niggas who take shots at Jigga«. Zwar brillierten auf jenem Album auch die Beatmaker Bink und Just Blaze sowie natürlich Hova selbst, mit seinen hittigen Hooks und überraschend persönlichen Texten. Aber es war auch Kanyes Verdienst, dass Jigga in jenem geschichtsträchtigen Sommer von 2001 endgültig in den Status einer Ikone aufrückte.

Der wusste das sehr wohl zu schätzen, aber als Rapper wollte er den emsigen Streber mit dem schon damals recht ausgeprägten Selbstbewusstsein trotzdem nicht im Stall haben. Sah er nicht. So gar nicht. Erst als Kanye im Alleingang den Song »Through The Wire« aufnahm, auf eigene Kosten ein Video abdrehte und den Chefs ein fertig geschnürtes Gesamtpaket samt amtlichem Szene-Buzz anbot, gab Jay-Z dem Drängen seiner Partner nach und nahm Kanye West für ein Soloalbum bei Roc-A-Fella Records unter Vertrag. Seine heutige Standardbegründung für die um ein Haar ausgelassene Jahrhundertchance ist der mittelständische Hintergrund des smarten Studis aus Chicago: Kanye und der Rest-Roc, das seien völlig verschiedene Welten gewesen, die er sich beim besten Willen nicht habe zusammendenken können.

Jay Z & Kanye West “No church in the wild” from ROMAIN-GAVRAS on Vimeo.

Das ist eine schamlose Lüge, zumindest aber eine eitle Scheinentschuldigung von der Mein-größter-Fehler-ist-dass-ich-so-perfektionistisch-bin-Sorte. Die Wahrheit ist: Jay-Z hatte schon damals einen Horizont weit über die Grenzen seiner Projects und ein feines Gespür für die Bedürfnisse von White America. Kanye war ihm keineswegs so fremd, wie er einen glauben lassen möchte, er verkannte sein Potenzial nur einfach auf ganzer Linie. Kanye ist schlau genug, dass er das gefühlt, ja gewusst haben muss. Trotzdem nahm er sein Idol auf seine beiden ersten Alben (wobei sich das Gefallensgefälle beim zweiten bereits deutlich umgekehrt hatte) und widmete ihm auf seinem dritten gar einen ganzen Song: »My big brother who I always tried to be.« Eine mit Verlaub erstaunliche Mischung aus Devotion, Berechnung und echtem Fantum.

Heute, so scheint es, haben sich die beiden Männer angenähert. Man schätzt sich, man versteht sich. Jay-Z tritt in der Carnegie Hall auf, trinkt wochenends Weißwein und urlaubt auf Capri, und auch Kanye West sieht sich lieber auf der Mailänder Modewoche als auf der Magic in Las Vegas. Beide bewegen sich gerne ein kleines Stück links des Mainstreams, haben letztlich aber doch genau diesen im Auge. Beide zeigen zartes Interesse an der Kultur ferner, exotischer Länder (wie zum Beispiel England), sind aber – jeder auf seine Art – zutiefst amerikanisch: Kanye in seiner religiösen Zerrissenheit und seinem protestantischen Selbsthass, Jay-Z als Prototyp des Macher-Unternehmers, der sich entgegen aller Wahrscheinlichkeit ganz nach oben durchgeboxt hat, auf eigene Faust und nach eigenen Regeln. Weit mehr als bloße Fremdlinge sind die beiden mittlerweile Gegenpole, die sich privat anziehen und im Studio ergänzen. Hier der ausgeglichene, besonnene, manchmal verschlossene Veteran, dort der hyperaktive, unnachgiebige, aufbrausende Herrscher der Jetztzeit, vereint in ihrer Liebe zu den schönen Dingen und dem herrlich irrationalen Anspruch, auch mit mehr als 35 kollektiven Karrierejahren auf dem Buckel noch brillante, aufregende, im besten Fall sogar revolutionäre Musik zu machen. Tatsächlich klappt die Kombo Kanye/Jay immer: die melancholischen Bläser auf »Encore«, das lyrische Widerspiel auf »Murder To Excellence«, der blanke Hohn auf »So Appalled«. Dagegen ist ein gemeinsamer Song von Jay-Z und, sagen wir, Beanie Sigel im Jahre 2012 quasi undenkbar. Gar nicht mal, weil sich die beiden so mies verkracht hätten. Sondern weil man sich schlicht nicht vorstellen kann, worüber die so reden sollten.

Kanye West & Jay Z: “Otis” from The Rex Agency on Vimeo.

40 Is The New 20

Jay-Z ist nicht mit seinen Fans gealtert, sondern immer nur mit sich selbst. Erstaunlicherweise hat ihm genau das ermöglicht, auch die Jugend mitzunehmen und nebenbei all die für sich zu gewinnen, die ihn und seinesgleichen früher fürchteten wie der Teufel das Weihwasser: die »Rolling Stone«-Leser, die Torwachen von Rockin’ ­America, die Entscheidungs- und Würdenträger in Politik, Wirtschaft und Hochkultur. Heute sitzt er wie selbstverständlich bei Letterman und in der New York Public Library, und anders als bei den meisten Rappern im Pantheon der Massenkultur hat man nie das ungute Gefühl, dass am Ende doch nur der gewinnen kann, der sich dem weißen Mann und seinen Regeln unterwirft. Er sitzt da, mit Brille und Baggy, als wäre der Schritt von »Murder« zu »Excellence« immer schon der einzig mögliche gewesen: »Power to the people, when you see me, see you.«

Es gibt diese Szene in »Fade To Black«, als Jay-Z seine alte Freundin Mary J. Blige auf die Bühne bittet. Er schlingt seinen Arm um ihre Schulter, drückt sie für ein paar Sekunden fest an sich: ganz Gentleman, aber auch ein bisschen so, als wolle er sich noch einen letzten Moment lang an dieses Leben klammern, das er mehr liebt als alles andere. »Taking out this time to give you a piece of my mind.« Seine Lippen umspielt ein breites Grinsen; er bemüht sich gar nicht erst, es zu überspielen. »One day you’ll be a star.« Er wird es für immer bleiben.

Text: Davide Bortot

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