Kings of HipHop: Jay-Z #5
gepostet in Jay Z | 12 Juni 2012, 08:24 Uhr | 3 Comments
City Is Mine
Vielleicht muss man, um das alles zu verstehen, zurückgehen ins Jahr 2001. Ein Star war Jay-Z längst, hatte Millionen von Platten verkauft, mit »Hard Knock Life« eine der größten HipHop-Touren aller Zeiten absolviert und sich nebenbei eine ansehnliche Zweitexistenz als Kaufmann aufgebaut. In ihrem Herzen aber berührte Young H-O die Menschen erst mit seinem sechsten Soloalbum »The Blueprint«, entstanden in ein paar magischen Tagen in den Baseline Studios, wo der musikalische Arm der Roc-A-Fella-Clique rund um die Uhr an Beats und Texten feilte, bis sie was taugten. Damon Dash hatte damals die »Keep It Real Wednesdays« eingeführt: Alle Beteiligten mussten sich ihre ehrliche Meinung direkt ins Gesicht sagen; untaugliche Song-Skizzen wanderten massenhaft in den Papierkorb, gleichzeitig bekamen unbekannte Produzenten den Vorzug vor arrivierten Hitmakern, wenn sie besseres Material anlieferten, denn Beats gab es für die Rapper grundsätzlich nur auf unbeschrifteten CDs. Aus dieser Geisteshaltung heraus entstand »The Blueprint«. Weil Jay und Guru alles wegstrichen, was keiner brauchte – die schlechten Ideen, das schlechte Artwork, die schlechte Laune – und einfach »good music« machten. Das Resultat waren eine beispiellose Reihe an ewigen Lieblingsliedern sowie ein völlig neues Soundbild, das sich am besten wohl als »brand new retro« beschrieben ließe. Just als alle ihren Triton ritten, holte Hovi den Soul von Al Green und David Ruffin aus der Versenkung: ein Puristen-Album zum Mitsingen, Hardcore für Mädchen. Das alles offenbarte sich der Welt am 11. September, jenem Tag also, als New York nicht nur die Türme verlor, sondern auch die Illusion der Unantastbarkeit. Ohne es zu wollen, gab Shawn Carter seiner Stadt das Gefühl der Geborgenheit, als sie es zum ersten Mal wirklich brauchte. Der schwelende Streit mit Nas und die damit einhergehenden Grundsatzfragen erübrigten sich darunter, trotz nicht allzu klarer Faktenlage, von alleine. Jay-Z war der Bürgermeister der Herzen, Nas ein talentierter Rapper mit Image- und Beat-Problem. Es ist eine feine Randnotiz dieser heillos überzogenen Erfolgsgeschichte: Oft hatte Jay-Z auch einfach wahnsinnig viel Glück, selbst im größten anzunehmenden Unglück.
Jay Z – Song Cry von Teemignon
Ein Kritiker hat einmal über George Clooney geschrieben, er verfüge über die seltene Fähigkeit, gute von schlechten Filmprojekten zu unterscheiden und sich stets nur den Allerbesten anzuschließen. Jay-Z hat diese Art von Selektions-Snobismus perfektioniert. Er hängt mit den Coolen. Und wenn er ganz selten doch mal so etwas wie Verpflichtung aus Freundschaft verspürt, dann findet er Lösungen, bevor jemand ein Problem ausmachen kann: Einen Album-Song seines alten Kumpels Memphis Bleek (»Dear Summer«) bestritt er einmal zur Sicherheit ganz alleine. Die Füße stillhalten jedenfalls ist seine Sache nicht. Selbst in den Monaten seines zwischenzeitlichen Ruhestands von 2005/2006 lieferte er in schöner Regelmäßigkeit Features und Freestyles, als herrlich gelassener Frühstücksdirektor des Rap. Nur verschleudert er seine Marke eben nicht ohne Not an jeden, der jemanden kennt, der jemanden kennt, der ein bisschen Kleingeld über hat. 2011 featurete er lediglich bei Rihanna, Young Jeezy und J. Cole. Alle Projekte gingen zumindest Gold. Mehr noch als ein Instinkt-Rapper ist Jay-Z ein Gelegenheitsjäger, hochsensibel für die seismischen Bewegungen im Markt. Er ist ein Meister darin, im richtigen Blitzlichtmoment neben LeBron James oder Barack Obama zu stehen. Und ebenso ist er ein Meister darin, sich von alten Weggefährten nicht mit in den Abwärtsstrudel ziehen zu lassen. Man mag das kalt nennen oder opportunistisch – Jaz-O und viele andere haben genau das getan. Vor allem aber ist es wahnsinnig geschickt. Das nämlich ist der wahre Wert der Clooney-Analogie: Jay ist nicht immer genial auf seinen Gastversen, manchmal ist er einfach nur Jay-Z. Aber er täte einen Teufel, ein Movement von nennenswerter Bedeutung ohne seine Teilhabe verstreichen zu lassen. Drake, Maybach Music, Lex Luger, früher Dipset, Dirty South, Bad Boy und Ruff Ryders, aber auch Jay Electronica, Lupe Fiasco, Mos Def, 9th Wonder, M.I.A. oder Mavado – Jay-Z war zum entscheidenden Zeitpunkt dabei.
So wie er bei Sades Comeback dabei war, bei Amy Winehouses öffentlich zelebriertem Seelenstrip, bei Coldplays Siegeszug durch Amerika oder der »Carter«-Saga, die Lil Waynes Transformation vom unterschätzten Spitter zum Superstar einleitete. Und es war mitnichten immer nur der große Jiggaman, der gnädig etwas von seinem Glanz abstrahlen ließ. Jay-Z hat von allen diesen Assoziationen genauso profitiert wie seine Gegenüber. Als gewiefter Early Adopter hat er sein sorgsam austariertes Biosystem des Zeitgeists bis zum heutigen Tag aufrechterhalten und als Mittvierziger sogar noch ausgebaut: Cool ist da, wo Jay-Z ist. Weil Jay-Z da ist, wo es gerade cool ist.
Text: Davide Bortot






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