Happy Birthday, Eminem 3

gepostet in FEATURES | 17 Oktober 2012, 12:59 Uhr | 1 Comment

Die Theorie, wonach Eminems immenser Erfolg in erster Linie seiner Hautfarbe geschuldet sei, mag einen wahren Kern haben – frag nach bei den Beasties, deren Mittelstufenparty-Standard »Licensed To Ill« als erstes Rapalbum überhaupt die Spitze der Billboards stürmte. Doch ist sie letztlich eine Binse: Welcher weiße Vorstadtflegel will schon Mucke hören, die die schwarzen Inner-City-Kids hassen? Und wer genau war noch mal Haystak? In Wahrheit stellt sich Eminem einfach nur genau die Fragen, die jeden ganz normalen Pubertierenden zwischen zwölf und 50 zwischen Morgenlatte und Abendspliff so beschäftigen – und dazu gehört nun mal kaum die farbliche Abstimmung von Lexus und Hermelinmantel, die damals den Äther rulete. Sondern eher: Welches Spice Girl würde ich am liebsten unsittlich berühren? Pille oder Pilze? Alter, wie genau zahle ich dieser verdammten Schlampe diese verdammte Demütigung heim? Hm, eine Pille oder vielleicht doch lieber Pilze? Und warum zur Hölle sollte ich diesen Erwachsenen auch nur einen Funken Respekt zeigen, wenn die sich noch konsequenter daneben benehmen als ich?

Das ’99er Majordebüt »The Slim Shady LP«, eine mit drei Dre-Vehikeln nur geringfügig aufgemotzte Version der gleichnamigen, selbst veröffentlichten EP – der Löwenanteil der Beats kommt nach wie vor von Detroiter Weggefährten wie Denaun Porter, dem ehemaligen D12-DJ Head oder den Bass Brothers – wird konsequenterweise als provokantes Manifest eines Skandalrappers vermarktet. Die Presse reibt sich an Stücken wie »’97 Bonnie & Clyde«, in dem Eminem (oder vielmehr sein chronisch drogenberauschtes und gewaltbereites Alter Ego Slim Shady) seiner Tochter die Entsorgung der frisch ermordeten Babymutter erklärt, oder »Guilty Conscience«, in dem er genüsslich den moralischen Zwiespalt eines Räubers verbalisiert, seinen Protagonisten Stan eine besoffene 15-Jährige verräumen lässt, und zum krönenden Ende den Rachemord als probate Problemlösung empfiehlt. Wenig später kontert Em mit seinem ganz persönlichen Star-War »Stan«, dem vertonten fiktiven Brief eines obsessiven Fans, der indirekt auch mit falsch verstandener Idolshörigkeit aufräumt, und erschafft damit eine weitere Kunstfigur, die fortan den zweiten Pol seines kreativen Schaffens markiert: den vorgeblich echten Marshall Mathers. Diese Mischung aus oberflächlicher Komik, unmittelbar unterhaltender Gesellschaftskritik und tiefster Seelenspiegelung wird in der Folge zum Patentrezept und über drei Alben und Jahre hinweg immer kunstvoller iteriert. Auf der »Marshall Mathers LP« von 2001 seziert Eminem unter anderem seine Achterbahn-Ehe mit Kimberley Anne Scott, die ähnlich problematische Beziehung zu seiner Mutter, seine vorgebliche Vorbildfunktion in Columbine-Amerika, seinen sich langsam zum Problem auswachsenden Betäubungsmittelkonsum, seine angebliche Homophobie und vor allem immer wieder seine neue Rolle als Person des öffentlichen Lebens. Dazu gibt’s ein paar Grußadressen an die unvermeidlichen Neider und ein paar geschickt applizierte Geschmacklosigkeiten über Flugzeugabstürze und großräumig verteilte Gehirnmasse. Den Reim um des Reimes Willen dagegen muss man zu diesem Zeitpunkt bereits mit der Lupe suchen beim einstigen Freestyle-Wunderkind mit »Soundbombing«-Segen und gigantischer Gefolgschaft in der gerade am Zenit zuckenden Neo-Rucksack-Bewegung. Nach Deutschraps gängiger Mixtape / Album-Logik müsste man wahrscheinlich von »richtigen Songs« sprechen – mit dem klitzekleinen Unterschied, dass der Blondschopf aus Michigan noch das komplexeste Thema in ein zwingendes Rapformat zu schachteln weiß und jeden Anflug von Peinlichkeit mit einer Offenherzigkeit und Eloquenz erdrückt, die selbst Opfer seines berechnenden Spotts von Elton John bis Marilyn Manson zu ausufernden Elogen anspornt.

Mit »The Eminem Show« zieht sich der mittlerweile fast Dreißigjährige 2002 dann noch weiter in die Introspektion zurück, verarbeitet Kind (»Hailie’s Song«) und Kindheit (»Cleanin Out My Closet«, seine Konflikte mit dem Gesetz (»Soldier«) und erneut seine Sonderstellung als größter, meistdiskutierter und nicht zuletzt weißester Rapper seiner Zeit (»Sing For The Moment«, »Say Goodbye Hollywood«, »White America«). Was nach klassischem dritten Album klingt, ist in Wahrheit ein kleines Wunder. Denn die neue Marschrichtung wird weder von der Kritik noch von der Kundschaft abgestraft, nach dem fast schon obligatorischen Grammy-Gewinn verteilt die RIAA stolze neun Platinplaketten. Über das später im Jahr an Lichtspielhäuser rund um die Welt ausgelieferte Semi-Biopic »8 Mile« muss man ohnehin keine Worte verlieren – auch nicht an Leute, die sich durchaus Geileres vorstellen können als »Get Rich Or Die Tryin’« in der deutschen Synchro auf RTL2. Selbst »Encore« von 2004 ist gemessen an allen Standards des gesunden Menschenverstands – in der Unterhaltungsindustrie traditionell nicht beheimatet – ein immenser Erfolg, und das, obwohl der Chor der Nörgler unüberhörbar anhebt. Nicht nur die Doppelreim-Gestapo hat ein Problem mit der inspirationslosen Klamauk-Single »Ass Like That«, und bei »Mockingbird« fragen sich auch wohlwollende Betrachter, wie weit man den Kitschbogen noch spannen kann.

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Text: Davide Bortot

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